Der Wasserfall von Varone

Thomas Mann besuchte den Wasserfall von Varone in der Nähe von Riva del Garda erstmalig im Alter von dreißig Jahren. Den großen deutschen Schriftsteller versetzte die Atmosphäre dieses Ortes, das Schauspiel dieses faszinierenden Infernos in begeistertes Staunen. Der Wasserfall von Varone ist kein sonniger Ausflugsort: es handelt sich hierbei um eine Höhle in einer engen Schlucht, die das Wasser in Millionen von Jahren zwischen die Felsen gegraben hat, nicht um eine strahlende und duftende Wassermasse, nicht um einen rauschenden und kristallklaren Wasserfall: hier dringt das Wasser in die Eingeweide der Erde vor, wo es zu Staub und Dunst wird und eine Wasserwolke bildet, die sich im Lichte der Sonnenstrahlen zu einem bunten Kaleidoskop verwandelt.

Vom Tennosee kommend, fließt das Wasser durch eine Schlucht, die sich in 20.000 Jahren durch Erosion (4 mm/Jahr) gebildet hat und stürzt tosend 87 m weit hinab.
Im Hintergrund des engen, tiefen Schlundes, aus Massen von bäuchlichem Fels geformt, nackt, glitschig wie riesige Fischleiber, ergießt sich unten die Wassermasse mit einem sinnlosen Getöse. Das irre und kräftige Tosen betäubte, flößte Angst ein und verursachte Gehör-Halluzinationen. So rief sich Thomas Mann den Wasserfall von Varone viele Jahre später vor Augen, als er die Hauptszene seines Romans "Der Zauberberg" schrieb. Der Wasserfall hat von jeher große Emotionen und Gefühle hervorgerufen. Nachdem König Johann von Sachsen als erster auf diese Attraktion hingewiesen hatte, wurde er zum beliebten Ausflugsziel zahlreicher gekrönter Häupter und literarischer Genies: Franz Josef, Umberto II di Savoia, Franz Kafka, Gabriele D'Annunzio sind nur einige der Namen, die diese faszinierende Schlucht besuchten.

Der Wasserfall liegt 2 km weit von Riva del Garda entfernt und ist von dort aus bequem zu Fuß oder im Auto zu erreichen. Der Wasserfall besteht aus zwei begehbaren Grotten: zur unteren kommt man direkt vom Kiesbett des Baches aus. Ein Steg führt Sie an der Felslinie entlang bis zur Kaskade. Den oberen Teil können Sie über eine bequeme Leiter erreichen, die mitten durch die grüne Landschaft führt.
Ein kleiner Tunnel führt die Besucher zu einer Felsöffnung, die sich direkt vor der Höllenschlucht auftut - ein einmaliges Schauspiel. Gegen Mittag schneiden die Sonnenstrahlen den Wasserdampf und malen herrliche Regenbögen. Seit einigen Jahren wird die Schlucht auch elektrisch beleuchtet, so dass Sie die Kalkwunder bestaunen können, die die Höhlenwände zieren. Kein Bildhauer könnte ein größeres Wunderwerk schaffen als das Wasser.


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